Meine Erfahrung besagt, dass Rituale eine heilende Wirkung haben können, besonders dann, wenn Menschen unter Beziehungen leiden, aus denen sie scheinbar keinen Ausweg finden können, und die ihr Leben beschwert.
Davon handelt diese Geschichte.
Monika, damals Ende vierzig, beklagte sich bei mir, dass sie sehr unzufrieden sei mit dem Verhältnis zu ihrer Mutter Johanna, im Gegensatz zu ihrer Großmutter Antonia, die sie als Kind bewundert habe und die ihr immer noch näher stünde als ihre Mutter, obwohl sie doch schon viele Jahre tot sei.
„Was wollen Sie konkret verändern?“, frage ich Monika direkt, auch um weitere Klagen über ihre Mutter zu Beginn unseres Gesprächs zu begrenzen.
„Ich will von Ihnen wissen, wie ich mit meiner Mutter Frieden schließen kann.“
„Auch das ist eine konkrete Frage, auf die Sie sich vielleicht selbst später eine Antwort geben können. Auf dem Weg dahin kann ich Sie begleiten.“
Monika nickt, also frage ich weiter: „Sie wollen Frieden schließen mit Ihrer Mutter. Was genau meinen Sie damit? Wie muss ich mir Ihren Kriegszustand vorstellen?“
Monika erwidert: „So, wie ich es meine – Frieden, nicht mehr über jede Kleinigkeit streiten, als ginge es um Leben und Tod und eine von uns müsste gewinnen, keine verletzenden Nachrichten mehr lesen und beantworten müssen und nicht wie ein dummes Kind behandelt und belehrt werden, wenn ich zu ihr komme! Deshalb gehe ich ungern zu ihr, nur aus Pflichtgefühl und unter Dauerstress.“
„Wie fühlt sich das für Sie an, wenn Sie es täten, Frieden schließen und wie sähe dieser Frieden dann aus?“, will ich wissen. „Befreiend!“
„Und wovon sind Sie dann genau befreit?“
Ich nutze das Ankoppeln, damit ich mehr Informationen bekomme und signalisiere, dass ich ihr aufmerksam zuhöre.
„Von ihrem ewigen Gejammer über ihr verpfuschtes Leben, ihre giftige Wut, dass mein Vater sie verlassen hat, über ihren Absturz nach der Wende, über die Sinnlosigkeit ihres jetzigen Lebens, über ihre vielen Krankheiten und Wehwehchen, über die fehlende emotionale Zuwendung ihrer Hausärztin, darüber, dass sich niemand um sie richtig kümmern würde, was so nicht stimmt, davon wäre ich dann befreit und kann in Frieden leben, wie ich will!
Ich würde die Regeln unserer Beziehung bestimmen und meiner Mutter klar sagen können, dass ich mir keine Klagen mehr anhöre, das das Vergangene vergangen ist, und sie frage, was sie von mir jetzt erwartet“, antwortet sie mit trotziger Mine, fast wie ein Kind.