Die Glocke vom Turm der Mohrener Martinskirche bimmelte in hohem Ton. Es war die kleine Glocke, die alle Begräbnisse ankündigte. Jeder in Mohren wusste, was sie bedeutete. Das Dorf, lang gestreckt im Tal, endete in einer Sackgasse am Fuß der Hänge, die zum Riesengebirgskamm hin ansteigen. Seine achthundert Einwohner kannten einander. Es hätte nicht die Glocke gebraucht, um auch den letzten Mohrener davon zu unterrichten, dass jemand gestorben war.
Der Friedhof lag oben auf dem Berg rings um die Kirche wie ein Halstuch, auf dem die Grabsteine und Kreuze im üppigen Grün wie Tupfen leuchteten. In einem Dorf gehörte es sich, bei jedem Begräbnis zur Kirche zu kommen, und sonst war das keine Frage, die man lange bedenken musste. Bei dieser Totenfeier jedoch schien ein großer Teil der Nachbarn nicht anwesend zu sein. Beliebt war er nicht gewesen, der Pepi. Auch das Mitleid darüber, dass er keine fünfzig geworden war, hielt sich in Grenzen. Seine Witwe ging als Erste hinter dem Sarg; eher galt das Mitleid ihr, die nun erneut mit dem großen Hof allein dastand. Jeder kannte Josefine, die Tochter des früheren Ortsvorstehers, die selbst einmal dem Tod von der Schippe gesprungen war und nun schon den zweiten Ehemann beerdigte. Dahinter gingen ihre Kinder Theo und Theresa, achtzehn und siebzehn Jahre alt, die mit ihrem verstorbenen Stiefvater nicht im besten Einvernehmen gestanden haben sollten.
Weiter hinten im Zug der Trauernden folgte Helene Hollmann am Arm eines Mannes, den niemand kannte. Nach ihr ging der ehemalige Knecht des Verstorbenen, der seine Stelle in diesem Frühjahr so wie andere vor ihm nach kaum ein paar Wochen wieder aufgegeben hatte, neben sich Helenes Tochter Anna, die für ihre Verhältnisse ungewöhnlich still blieb. Was die beiden miteinander zu tun hatten, blieb ein Rätsel. Das Getuschel der Leute wollte nicht aufhören, nicht einmal, als der Pfarrer die Psalmen sprach und der Sarg in die Grube gelassen wurde. Im Geflüster hieß es, bei dem tragischen Unglücksfall sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen. Darauf, wer nun dem Schicksal nachgeholfen haben sollte, wollte sich jedoch niemand festlegen. Im Grunde genommen konnte es nur ein Fremder sein, der Mann bei Helene vielleicht oder der Knecht, der von woanders stammte. Niemandem aus dem Dorf traute man so etwas zu.
Und doch, wenn die Flüsternden aufmerksam verfolgt hätten, wie sich die Dinge zuspitzten, hätten sie bei gutem Nachdenken auf die Wahrheit kommen können. Was im Dorf passierte, war schließlich kein Geheimnis, selbst wenn jeder Einwohner dies und das für sich behielt und glaubte, es bliebe deswegen verborgen.
In Einem hatten die Leute recht: Dieser Todesfall war das Ende einer Kette von Ereignissen, deren erste nicht im Dorf stattgefunden hatten. Vier Jahre zuvor fand ein Landstreicher fünfundzwanzig Kilometer entfernt ein neues Zuhause. Sieben Monate vor Pepis Tod hatte ein Erdbeben auf der anderen Seite der Erdkugel, in Chile, Einfluss auf das Geschehen, kurze Zeit später eine Schneelawine unweit von Spindelmühle. Danach beschleunigten sich die Ereignisse, die sich von niemandem hätten aufhalten lassen und darin gipfelten, dass an diesem friedlichen Sommernachmittag Pepis Sarg in der Erde verschwand.